Nein, das Folgende kann kein Zufall sein. Und die leider oft dazu getätigten Aussagen Dritter, man solle sich damit "einfach" abfinden, bzw. sich nicht den Kopf darüber zerbrechen, machen mich wirklich nur noch wütend. Stille Hinnahme ohne jede Reflektion, obwohl es im Inneren brodelt und ich weiß, dass unausgesprochene Ungerechtigkeiten im Raum stehen? Niemals!

Es geht um den Kern unseres "Sozial"staates. Um staatliche Einrichtungen, Behörden, Ämter, Verwaltungen. Dem Ort des sozialen Showdowns, dort wo Menschen dringend um Hilfe bitten, auf Unterstützung hoffen und auch größtenteils darauf angewiesen sind. Um das dortige Mit- und - leider viel zu oft beobachtete oder sogar selbst erlebte - Gegeneinander.


Die Liste der Behörden, Ämter, Verwaltungen etc., die es in Deutschland gibt, ist lang. Selbstredend, dass nicht jeder Angestellte/Beamte alle staatlichen Institutionen kennt, auch oder gerade in ihrer Funktion, dennoch meine Frage: Warum gibt es keine Anlaufstelle auf Staatsebene, die einen "groben" Überblick über die Ämter, ihre Funktionen und Unterstützungsmöglichkeiten besitzt? Obwohl das für die meisten Menschen - vor allem für die, die dringend Hilfe suchen und benötigen - im hiesigen Bürokratie-Dschungel von größtem Vorteil wäre?! - Natürlich. Es würde erst einmal noch mehr Bürokratie bedeuten, eine neue finanzielle Belastung der Gemeinschaft. Fazit wäre jedoch, dass die Menschen einen schnelleren Überblick hätten, gezielter zu Behörde X (etc.) weiter geleitet und sicherlich auch die Anzahl der "Fehl-Anträge" verringert werden könnten.

Eine gute Orientierung ist das A und O im Leben, um voranzukommen. Fragt euch bitte in einem ruhigen Moment, warum es uns - (auch) DIR - so schwer gemacht wird, eine gute Übersicht zu haben/zu behalten.

Alleine die Zeit, die ich gebraucht habe, um herauszufinden wo ich Unterstützung bekomme. Bzw. welche Hilfen mir als alleinerziehenden Mutter mit vier kleinen Kindern, als chronisch kranker (mit GdB) und in Langzeittherapie befindlichen Patientin, zustehen. (Dabei ging und geht es nicht einzig um die finanzielle Unterstützung!) Eine lange Zeit, die ich alleine und in Angst verbracht habe. In der ich anfänglich verzweifelt versuchte, über das Internet an Informationen zu gelangen, weil ich nach der Trennung von meinem Ex-Mann gnadenlos überfordert war, was ich jetzt wo (als Erstes?) regeln muss. Aber letztlich musste ich immer wieder feststellen, dass doch jeder "Fall" irgendwo individuell war/ist und ich einfach eine Anlaufstelle gebraucht hätte, die Hilfesuchenden in solchen Situationen einen groben, aber verlässlichen Überblick gibt. Auf einer humanen und respektvollen Ebene.

Warum braucht es sehr oft nicht-staatliche Einrichtungen* wie die Diakonie, der Caritas, kirchliche Einrichtungen und viele andere "freiwilligen" Organisationen, Verbände, Gemeinschaften (die ich hier leider nicht alle beim Namen nennen kann, weil es so unglaublich viele tolle Menschen gibt, die sich für uns ALLE einsetzen - DANKE!), um den Hilfesuchenden aufzuzeigen, an wen sie sich denn nun wenden können/müssen? - Ich würde behaupten, dass sie* den "Sozial"staat auffangen (nicht nur ergänzen!), das dort sehr wichtige Arbeit an der Gesellschaft und an dem Einzelnen geleistet wird, ohne das der respektvolle Umgang miteinander darunter leidet. Ganz im Gegenteil. Es wird gerne geholfen, es wird immer nach Lösungen gesucht und - das Wichtigste - sie glauben an den Menschen, der vor ihnen sitzt.

Ich habe schnell gemerkt, dass es sich hierbei um eine utopische Wunschvorstellung von mir handelt. Sowohl eine solche Behörde, die sich nur mit der Arbeit aller anderen Behörden (etc.) beschäftigt, als auch die Vorstellung, dass es dort (überwiegend) human und respektvoll zugeht. Das der Boden der Tatsachen, auf dem über die unterschiedlichsten Sozialleistungen/Hilfen entschieden wird, regelrecht von negativen Vorurteilen und einer Unfreundlichkeit, die oft nahtlos in Respektlosigkeit übergeht (die aber von Hilfesuchenden toleriert wird, weil man sonst Nachteile/Sanktionen befürchtet), gepflastert ist, ist leider Alltag in Deutschland. Es gibt sie zwar, die Angestellten/Beamten, die einen guten Umgangston wahren und gewillt sind, den Menschen zu helfen, an sie zu glauben, doch die findet man viel zu selten. Aber auch diese müssen sich oft diesem "Sozial"system unterwerfen, um nicht Teil der eigenen Klientel zu werden. Ein System, welches weder vorsieht, dass man sich als Hilfesuchender gut aufgehoben, noch als Mensch weiterhin wertgeschätzt fühlt.


In der Jugend wurde mir das erste Mal bewusst, was für ein nervenaufreibender bürokratischer Akt es für meine Eltern gewesen sein muss, unsere Familie "durchzubringen", als meine Mutter zuhause bei uns drei Kindern war und die Vollzeit-Arbeit, bzw. der dadurch erzielte Lohn meines Vaters, nicht ausreichte (80ziger/90ziger). Ohne BAföG hätte ich heute kein Fachabitur i.B. Gestaltung, bzw. wäre mir auch die Möglichkeit verwehrt geblieben, ein Studium aufzunehmen. Es ist richtig und wichtig, dass es solche finanziellen Unterstützungen gibt und ich hoffe, dass ich in den nächsten Jahren mit der Rückzahlung meines Studium-BAföGs beginngen kann. Aber der Druck sitzt mir ehrlich gesagt im Nacken, das schlechte Gefühl, als junger Mensch überhaupt so etwas beantragt zu haben. Obwohl ich weiß, dass es vollkommen legitim war und jeder, der in dieser Situation gewesen wäre, diese finanzielle Hilfe zugesprochen bekommen hätte. Es ist paradox.

Genauso geht es mir nun in der Gegenwart. Bei den anderen Dingen, die ich bisher beantragt habe. Beantragen musste. Jeder Gang zu Amt X fällt mir schwer, weil ich die Hilfe brauche und die eigentliche damit verbundene Entlastung. Doch ich gehe - egal auf welcher Behörde (etc.) - immer wieder mit dem Gefühl heraus, eine noch größere Belastung zu sein, als ich es tatsächlich bin. Denn in Person und mit der richtigen Unterstützung bin ich langfristig keinesfalls eine Belastung für die Gesellschaft. Das jedoch sagt einem dort selten bis nie jemand. Es zählt leider nur JETZT, wer was und wie viel (nicht) zahlt. An langfristige Auswirkungen wird nicht oder nur selten gedacht. Schon gar nicht, was "es" mit dem Individuum macht. Bspw. aus Menschen wie mir, die aus chronischer Krankheit heraus immer irgendwo auf ein Sozialsystem, auf staatliche Institutionen angewiesen sein werden, bzw. mit ihnen "kooperieren" müssen, um nicht bis zum Lebensende am Existenzminimum zu leben (ohne der Gesellschaft etwas von all dem, was ihnen - mir - bisher zuteil wurde, zurückgeben zu können).

Ja, die Gesellschaft ist gespalten. "Eine" Spaltung, die in erster Linie von Politik und Lobbies initiiert und inszeniert wird/wurde, da sie von diesen immer irrsinniger werdenden Auseinanderdifferenzierungen und Abgrenzungen profitieren, bzw. "die" Politik meint, dass die Mehrheit der Menschen davon profitieren würde. Kriege in anderen Ländern verurteilen, aber gleichzeitig Waffen in diese und andere Länder exportieren - das ist nicht nur menschenverachtend und doppelmoralisch, nein, es ist beschämend für unsere heutige Kultur und unser Wissen, welches sich der Maxime Geld immer wieder hilflos ausgesetzt fühlt. So macht es den starken Anschein.

Oft werden Menschen wie ich als - die harmlose Variante - Schwarzmaler bezeichnet, doch im Grunde ahnt fast jeder, dass hinter all dem Gehetze gegen Flüchtlinge, Minderheiten, Arm/Reich, Links/Rechts etc. nur ein Ziel stecken kann: Niemandem mehr zu (ver-)trauen, Ängste zu entwickeln und/oder zu manifestieren, sich nur noch als Opfer wahrnehmend, bis hin zur Urteilstrübung und einfache(re)n Beeinflussbarkeit in allen Lebensbereichen. Sprich der perfekte Konsument, der lenkbare Bürger, der brave Arbeiter. Noch einmal:

Eine gute Orientierung ist das A und O im Leben, um voranzukommen. Fragt euch bitte in einem ruhigen Moment, warum es uns - (auch) DIR - so schwer gemacht wird, eine gute Übersicht zu haben/zu behalten. Und warum wir unseren gesunden Menschenverstand lieber gegen ein neues IPhone oder einen SUV eintauschen, lieber blattgold verzierte Steaks neiden, anstelle uns um UNS zu kümmern, um eine gute Portion Struktur und Klarheit, damit wir uns wieder handlungsfähig und verantwortlich fühlen (können)! Verwantwortung ist kein böser Dämon, nein, es ist der Schlüssel zu weniger Ängsten und zu mehr (Selbst-) Sicherheit. Das ist wahre Freiheit und der größte Reichtum zugleich, den dir kein Kapitalist der Welt wegnehmen kann!

In diesem Sinne, ganz herzliche Grüße

HerzChaos