Dieser Satz hallt seit vorgestern nach. In mir. Und unterstreicht einen denkwürdigen Abend. Ich weiß nicht, ob ich die Einzige bin, der es so geht. Was ich jedoch weiß - ich werde die Einzige sein, die darüber schreiben wird.*

Vorgestern, 18.30 Uhr.

Elternabend in der (5.) Klasse meines ältesten Kindes. Es erscheinen wie beim ersten Mal nur 50% der Eltern. Das alleine hat mich nicht mehr gewundert, auch nicht, dass es ziemlich genau die 50% waren, die auch beim ersten Elternabend nicht anwesend waren. Der Abend verlief, in Anbetracht des überwiegend negativen Inhaltes, gesittet, obwohl (oder vielleicht gerade?) weil nur wenige Eltern, u.a. meine Person, ganz klar Stellung bezogen und sehr engagiert und energisch die Problemthemen diskutiert haben. Hauptsächlich, dass nach einem 3/4 des ersten gemeinsamen Schuljahres bereits ein solches Klassenklima herrscht, dass nicht gerade wenige Kinder – darunter auch mein Kind – sich eine neue Klasse wünschen.

Ich meine, ich bin viel "gewohnt". Einerseits durch eigene Erfahrungen in der Vergangenheit (was bspw. das Thema Mobbing angeht, wir waren Ende der 90ziger mit die erste Generation, wo Mobbing gefühlt auch anfing als Mobbing bezeichnet zu werden, leider oft noch mit einem abwertenden Unterton, der dem Mobbingopfer irgendwo signalisierte, dass es sich nicht so anstellen solle – es machte den Lehrern zusätzlich Arbeit, sie kannten sich nicht aus, waren teilweise gar nicht geschult darin). Andererseits durch meine Familie. Was mein jüngerer Bruder und seine Frau von ihrem Arbeitsplatz mit nach Hause nehmen – sie arbeiten in einer psychiatrischen Klinik für Kinder und Jugendliche – ist unfassbar. Auch was meine ebenfalls jüngere Schwester aus dem Kindergarten erzählt, lässt einen doch sehr nachdenklich werden, wo DAS alles hinführen soll.

Und wir leben nicht in Berlin Mitte. Nein, wir leben "nur" im kleinen Neuwied.

Wo soll ich anfangen? Was schockiert mich eigentlich am meisten? Vielleicht war es gar nicht die eine Stunde mit den anderen neun Elternparteien, in der man noch recht einträchtig diskutierte, sondern das anschließende Gespräch mit dem Klassenlehrer, welches fast genauso lang war wie der Elternabend an sich. (Danke Herr J.!)

In der Klasse meines Kindes werden täglich von mindestens der Hälfte der Schüler keine Hausaufgaben erbracht. Den Unterschriften und Berichtigungen von/für Tests und Arbeiten laufen die Lehrer in dieser Klasse wochen- bis monatelang hinterher, bis sie es irgendwann aufgeben. Arbeitsmaterial ist bei über 50% täglich nicht oder unvollständig vorhanden (es werden sich bspw. beim Hausmeister fast täglich neue Geodreiecke etc. für den aktuellen Unterricht gekauft, mein Kind ist eines von 3-4 Kindern, welches bei Tests von anderen regelmäßig gefragt wird, ob es ihnen Blätter abgeben könne usw.). Gerade die Jungen in der Klasse lassen mit ihrem Verhalten täglich zu wünschen übrig. Es fliegen auch gerne Stühle etc.. Ein Lehrer alleine bewirkt in der Klasse keine 5 Minuten Ruhe! Bei zwei Lehrern sieht das zwar schon etwas besser aus, aber das ist natürlich nicht der Normalfall, auch nicht an einer Realschule+, bzw. sind wir mittlerweile froh, wenn überhaupt einer der Fachlehrer in der Klasse ist. Die Fehlzeiten der Lehrer will ich an dieser Stelle jedoch gar nicht zum Thema machen, da ich selber Mutter von kleinen Kindern bin, weiß das sie mal krank werden können und/oder einfach verstehen kann, dass ein solches Schulklima irgendwann so gut wie jeden Lehrer krank macht.

Ich musste meine sarkastische Ader an diesem Abend stark unterdrücken. Vor allem, als sich ein Vater darüber ausließ, dass ein solches Fehlverhalten doch Konsequenzen für den einzelnen Schüler haben müsse. Da werfe ich trocken ein: Was für Konsequenzen denn? Was willst du machen, wenn da über 10 von 20 Schülern sitzen und nicht nur die Hausaufgaben nicht dabei haben, sondern dem Lehrer total dreist und rotzfrech ins Gesicht sagen, dass sie - Zitat des Lehrers - "keinen Bock" haben, die Hausaufgaben zu machen. Der Lehrer nickt nebenbei zustimmend. Es sind größtenteils die Kinder der jenigen Eltern, die an den Elternabenden fehlen, die sich rar machen und NUR dann aus ihren "Löchern" gekrochen kommen, wenn die Lehrer Konsequenzen aus diesem respektlosen Verhalten ziehen. Und wir reden hier nicht von Nachsitzen, von Vorführungen vor der ganzen Klasse. Nein. Ein kurzes Beispiel, welches ich den Eltern vorgestern zum Nachdenken gab.

Ein Schüler randaliert, schmeißt Stühle gegen die Wände. Der Schüler wird auf einem Art Ampelsystem hochgesetzt und bekommt ein Minus in der Mitarbeit. Am nächsten Tag stehen die Eltern in der Schule. Mein Kind berichtet mittags schockiert, dass der Klassenlehrer von den Eltern des Schülers, der randaliert und damit den Unterricht unmöglich machte, auch noch "Ärger" bekommen hat. Der Unterricht fiel wegen diesem spontanen und längeren Gesprächs natürlich auch wieder aus.

Ich gehöre nicht mehr zu der Generation, die auf ein solches Verhalten mit physischen oder psychischen "Konsequenzen" der Lehrer hätte rechnen müssen, dennoch hatte die große Mehrheit der Schüler – allen voran ich – riesigen Respekt vor (unseren) Autoritätspersonen. Ein solches Verhalten kann ich nur darauf zurückführen, dass die Eltern dieser Kinder genau das nicht (mehr) vorleben.

Alle schimpfen über die Arbeit von den Kindergärten, den Schulen, klagen darüber, dass die Erzieher und Pädagogen zu wenig dafür tun, den Kindern – z.B. neben dem straffen Unterrichtsstoff, der nebenbei bemerkt immer mehr wird, was immensen Druck bei den Kindern aufbaut, gerade bei den schwächeren Schülern (wie bspw. bei meinem ältesten Kind, welches unter starker LRS/Dyskalkulie leidet) – auch noch Werte wie Respekt, Toleranz, Zusammenhalt in einer Gemeinschaft usw. zu vermitteln. Und genau da sollte sich jetzt wirklich jeder Einzelne ehrlich fragen, mit wie viel Respekt man als Individuum den Erziehern, Lehrern, Pädagogen gegenüber tritt. Da muss ich leider manchmal selber sagen, dass ich mich an der eigenen Nase fassen muss, weil auch ich - gerade beim Thema Kindergarten, bei dem ich sehr sensibel geworden bin – ab und an dazu geneigt bin, mich diesem Mehrheitsgewimmer blindlinks anzuschließen. Selbst wenn es nur im Geiste ist. Dennoch empfinde ich im Allgemeinen großen Respekt vor der, bzw. für die Arbeit dieser Menschen, die ich – wie ich am Dienstag Abend vor den anderen Eltern, sowie im Einzelgespräch bewundernd feststellte – nicht leisten könnte und wollte. Ich bin zu engagiert, so schräg wie das klingt. Mich würde eine Arbeit im sozialen Bereich vollends zerstören, weil ich das Gefühl sehr schlecht ertragen kann, nicht jedem helfen zu können. Das strebt nämlich jede Faser meines Körpers an, sobald ich merke "hey, da braucht jemand deine Hilfe, da ist jemand benachteiligt" oder oder.

Mir ist bewusst, dass man nicht jedem helfen kann. Das man sich nicht jeder Familie, bei der man denkt, dass sie Unterstützung bräuchte, aufdrängen oder gar aufzwingen sollte. Ja, vielleicht geht es auch nicht immer darum, jedem helfen zu können oder zu müssen. Viel-leicht reicht es schon, wenn wir wieder alle mehr aneinander glauben würden. (Bitte die Bedeutung des Wortes "Glaube" nicht mit "Religion" verwechseln/gleichsetzen.)  "Die Meisten haben gar keine Ziele mehr, wenn sie wenigstens ein Ziel hätten." Eine ernüchternde Feststellung des Lehrers, als wir uns danach noch alleine unterhalten haben. Für mich ist es mehr als das. Wenn wir Veränderung wollen - und das ist das Positive, was ich daraus ziehe - dann müssen wir (wieder) an die Fähigkeiten der einzelnen Schüler glauben, Ziele "aufzeigen" und sie schaffbar gestalten. Ziele, für die es sich lohnt die Hausaufgaben zu machen. Wo es erstrebenswert ist, positiv an der Gemeinschaft mitzuwirken, sie dadurch wieder zu etwas schützenswertem zu machen. Nicht zu etwas, dass man bekämpfen muss. Denn so fühlt es sich an. Jeder gegen jeden, ohne Sinn und Verstand. Obwohl man die ganze Zeit bemüht ist. Ja, ich war und bin stets eine von denen, die bemüht ist, den Kindern erwähnte Werte zu vermitteln. Ich denke auch, dass mir das bei meinen vier Kindern gut gelingt. (Das Feedback der Erzieher und Lehrer lässt zumindest nichts anderes vermuten. Ohne mich selbst übermäßig dafür loben zu wollen - für mich sind das "Grundwerte", die selbstverständlich sein sollten.) Ich empfinde es als äußerst schwierig, meinen Kindern zukünftig weiter wertfrei beizubringen, dass nicht alle Kinder die gleichen Werte vorgelebt bekommen und das es – zumindest in diesem Alter – nicht alleine in der Verantwortung von Schüler XY liegt, dass er/sie so denkt. Den Eltern muss viel früher und öfter ins Bewusstsein gerufen werden, dass hauptsächlich sie dafür verantwortlich sind. Das Kinder durch die Erziehung(sstile) der Eltern, ihrer Wertevorstellungen und ihrer vorgelebten Verhaltensweisen geprägt werden, oft für ihr restliches Leben. Egal wie sehr man auf Erzieher, Lehrer und sogar die "bösen" Medien, die "schreckliche antiautoritäre" Bewegung schimpft, an dieser Tatsache wird sich nichts ändern. Verantwortlich ist und bleibt jedes einzelne Elternteil.

Es grüßt euch herzlich eine entschlossene

HerzChaos


* Bzw. vorgestern Nacht schon fast fertig war mit diesem Artikel, von dem mir nur die Überschrift geblieben ist. Direkt nach diesem denkwürdigen Elternabend. Leider kam es, wie es irgendwann einmal kommen musste - ein falscher Klick und die bereits über 1000 Worte haben sich in Nichts aufgelöst. Eine sehr bittere Erfahrung, die mir die Tränen in die Augen trieb...