...rebelliert das kleine Mädchen, das die letzten zwei Jahrzehnte die dunkelsten Ecken meiner Persönlichkeit bewohnt hat. Unfreiwillig. Welches früher, nicht nur von mir, auch als "das stille Mädchen" geschimpft wurde. Dem ich mit 14 Jahren mein erstes Gedicht gewidmet habe.

"Ich habe es verdient, dass ich mich selber toll finden darf, so wie ich mich auch doof finden kann. Das ich mich lieben darf, für die die ich bin. Auf mich Acht zu geben, vor allem dann, wenn andere es nicht tun." - Erkenntnisse des kleinen Mädchens, die bereits älter sind, mir immer wieder zuflüsternd. Ich wollte damals nie zuhören. Ein fataler Fehler.

Das kleine Mädchen ist nicht dumm, ganz im Gegenteil. Es ist viel erwachsener als ihre Altersgenossen, einsichtiger, wissbegieriger. Ich habe es lange Zeit vernachlässigt, habe es mit erhobenem Zeigefinger ermahnt, still zu sein. Obwohl es ein Teil von mir ist. Warum?


Am Anfang der (bewussten) Reise zu mir selbst, zu dem was viele eine Persönlichkeit nennen, stand ein Satz. Ein einziger Satz. Von einer Person, die mir nur sehr kurz nahe stand. Und trotzdem trage ich den Zettel seit über 6 Jahren mit mir herum.

"Finde dich - und du findest ALLES, was du brauchst!"

Am Anfang dachte ich: Ja, stimmt, er hat vollkommen Recht, jetzt hast du es verstanden. Wenn ich lerne, mit mir selber auszukommen, komme ich dem inneren Frieden endlich näher! - Nein, ich hatte es zu diesem Zeitpunkt eben noch nicht verstanden.

Bloß mit sich selbst auszukommen, ist die Freundschaft Plus unter den Beziehungen, der Kompromiss zwischen "bevor ich gar niemanden habe, meine Bedürfnisse gänzlich unbefriedigt bleiben" und "irgendwann wird schon die große Liebe in mein Leben treten". Einen solchen Kompromiss gehen wir fast alle irgendwann einmal ein. Bei gesunden Erwachsenen an sich nicht weiter bedenklich, da es sich mit großer Wahrscheinlichkeit nur um ein Kindheitsartefakt handelt, eine Art "Überlebensstrategie", die von Zeit zu Zeit kurz aufblitzt. Nichts ist menschlicher, als diese "vermeiden, um weitermachen zu können" Strategie. Doch um wirklich wachsen, als "kranker" Erwachsener - wie ich es bin - gesunden zu können, ist es wichtig bis unabdingbar, hinzuschauen. Selbstliebe zu entwickeln und/oder zu erhalten.

Das habe ich viele Jahre versäumt.

Die Erwachsene in mir, die immer versucht (hat), die Kontrolle über alles zu haben, fühlt sich schuldig. Ich weiß - Schuld ist ein folgenschwerer Begriff, der uns heutzutage viel zu schnell über die Lippen geht und der in den wenigsten Fällen zu-treffend ist. Daher habe ich mir fest vorgenommen, ab jetzt zwischen meinen Persönlichkeitsanteilen zu vermitteln, zu versöhnen, an das Verständnis und das Mitgefühl für den jeweils anderen zu appellieren, bzw. mich nicht mehr in kontraproduktiven Schuldzuweisungen zu verlieren. Verantwortung ist der Schlüsselbegriff.

An dieser Stelle mischt sich gerne das grummelige Rumpelstilzchen ein, welches diesen Text sowieso viel zu versöhnlich und kitschig findet. Es versucht mir wieder einmal einzureden, dass es sowieso niemanden interessiert, was ich hier von mir gebe. Irgendwie schämt es sich sogar dafür und ist misstrauisch, dass sich die anderen Persönlichkeitsanteile gerade versöhnen (wollen) und gemeinsam (stark) nach Außen auftreten. Ich habe mir fest vorgenommen, auch dich an die Hand zu nehmen. Von dir zu erzählen. Alles hat seine Zeit. Habe keine Angst, deine wird auch noch kommen!

Ich will mich von Herzen bei dir, dem kleinen Mädchen, dem bedürftigen und ängstlichen Anteil von mir, entschuldigen, dass ich dich so viele Jahre mit Ignoranz gestraft, dich zum Schweigen gezwungen habe, statt dir zu zuhören und für dich da zu sein. Für mich. Gleichzeitig will ich mich für deinen scheinbar unendlichen Mut bedanken, ohne den ich diese Zeilen niemals schreiben würde. Ohne die ich nicht die wäre, die ich bin.

Heute - am letzten Tag diesen Jahres - gebe ich dir das Versprechen, dass ich mich fortan um dich kümmern, ernstnehmen und unterstützen werde. Damit du endlich leben kannst. Damit ich es endlich kann!


Einen hoffnungsvollen und schönen Übergang ins neue Jahr 2019 wünscht euch ganz herzlich,

HerzChaos