Ich möchte diesen Artikel mit einem Auszug aus einem Brief, den ich mit 16 Jahren (2001) an meinen verstorbenen Opa schrieb, beginnen.

"[…] Ich wünschte, du könntest miterleben wie ich heute bin. Vielleicht könntest du mir meine Ängste nehmen. Angst zu versagen, Angst vor Schmerz und vor der Wut, die mich entgültig das Leben kosten könnte. Eigentlich wollte ich stark sein, aber alles zu verdrängen zeugt kein bisschen von Stärke. Es wäre sicher alles anders gekommen. Ich hätte die schrecklichen Ereignisse bestimmt anders verarbeitet. Aber du bist ja nicht mehr hier! Du bist schon zu weit weg, um noch Einfluss auf mein Leben haben zu können. Leider. Verzeih!
Ich habe in all den Jahren einen richtigen Hass auf mich selber entwickelt, weil ich die Fehler der Anderen immer nur bei mir gesucht habe. Mein Leben ist von Perfektion geprägt, die ich unbedingt erreichen muss. Sicher ist das nicht immer möglich, was unweigerlich dazu führt, dass ich an solchen Tagen, wo ich "versage", immer ein Stück mehr von mir zerstöre. Ich habe das Gefühl, dass mich deshalb nie jemand mehr lieben kann, als ich mich hasse. Ich bin nicht mehr der Mensch, den du einmal kanntest, der dich mit einem Lächeln glücklich machte. Warum habe ich auch zugelassen, dass mich die Anderen so zu ihrem Vorteil verändern – manipulieren!? Die Anderen, die nur an sich denken, aber nicht darüber nachgedacht haben, was sie mir mit ihrem unmöglichen und unnötigen Verhalten antun. Keine Sekunde ihres Lebens haben sie bis jetzt bereut, weil niemand von ihnen auch nur annähernd nachvollziehen kann, was Leid wirklich bedeutet.
Und du hast zu mir noch gesagt, bevor du von uns gegangen bist, dass das Leben manchmal unfair ist. Manchmal! Aber du hast nicht gesagt, dass es immer die Falschen trifft. Es trifft die Menschen, die den Schmerz für viele andere mit(er)tragen. Die das Gefühl haben, all das Leid ihrer Umgebung auf ihren Schultern tragen zu müssen. Die sich mehr Gedanken um das Leben von anderen machen, als um ihr eigenes, was immer und immer mehr aus den Fugen gerät. Ich habe es am eigenen Leib erfahren!
Ich habe vergessen, wie es ist, an etwas zu glauben. Auch habe ich verlernt, an mich selber zu glauben. Bin ich deshalb ein schlechter Mensch? Jedes Mal hatte ich Zweifel an der Richtigkeit der schon getroffenen Entscheidungen. Zweifel an den Dingen, die ich in Angriff genommen habe. [...] Ich kann mir nicht vorstellen, dass du mit so viel Selbstmitleid zufrieden wärst. Selbstmitleid, das eigentlich nicht nötig wäre, wenn ich nicht so wahnsinnig sensibel wäre.
Ein weiterer Grund, warum ich so verzweifelt bin, ist die Tatsache, dass ich mit der Schnelllebigkeit meiner Umgebung nicht mehr zurecht komme. Die Menschen kommen nicht mehr dazu, über die Dinge nachzudenken, die z.B. einen Menschen ausmachen - mit all seinen Stärken und Schwächen. Sie haben ihre Pflichten zu erfüllen und ihre Freizeit richtig auszunutzen. Dazwischen ist kein Platz mehr für Gedanken. Keine Zeit, um sich fallen zu lassen, ohne dass man direkt mit irgendwelchen überflüssigen Medienprodukten konfrontiert wird. Meine Probleme haben in solch einer Gesellschaft, in solch einem Leben, keinen Platz. Das werden sie wahrscheinlich auch nie haben, weil es Gedanken und Gefühle sind, die noch nicht einmal bei den Menschen, die ich liebe, Verständnis finden. Sie, die Gedanken und Gefühle, sind teilweise "einfach nur" unerwünschte Begleiterscheinungen unserer gefühlsmäßig runtergekommenen Gesellschaft. Sie nehmen Zeit in Anspruch, die man anders viel besser nutzen könnte. Ausnahmen, die darüber nachdenken, dass es auch noch etwas anderes als Konsum und Oberflächlichkeit geben sollte, werden von unserer ach so tollen Gesellschaft als Außernseiter beschimpft, die nicht willig sind, sich blindlinks der "demokratischen Mehrheit" zu unterwerfen. Ihnen gilt kaum Aufmerksamkeit, kein Respekt. Es wird in den Tag hinein gelebt und was gestern war, interessiert heute schon keinen mehr...
Bis jetzt kam es mir nicht so vor, als wäre es eine Krankheit, die mir das Leben so schwer macht. So etwas kann einfach keine Entschuldigung dafür sein, was mir durch andere Menschen angetan wurde. Außerdem assoziierte ich mit Krankheit immer etwas wie Krebs – wie du es hattest. [...]"

Es bedrückt mich sehr, wenn ich mir von Zeit zu Zeit meine alten Texte (Tagebücher, Gedichte, Geschichten & Co.) zur Hand nehme und sie mir noch einmal durchlese. Nicht nur, dass ich mich wieder sofort in das damalige Gefühlschaos versetzen kann – erschreckend ist, dass sich seit fast zwei Jahrzehnten nichts in dieser Gesellschaft, an den negativen Seiten, die ich bereits als Kind kennenlernen musste, geändert hat. Und ich mich daher ernsthaft frage, wo das enden soll ...

Seit einigen Jahren würde ich meine Beziehung mit der Gesellschaft wie folgt beschreiben: Eine ewige Hass-Liebe. Auf der einen Seite bin ich so oder so Teil dieser Gesellschaft, bis zu einem gewissen Punkt bin ich (mit) dafür verantwortlich, auf sie zu achten, sofern möglich sie positiv zu beeinflussen und ihr mit Respekt zu begegnen. Denn wer darf sich wirklich über etwas oder jemanden erheben, wer entscheidet das!?

Auf der anderen Seite…  Mir wurde so oft von dieser Gesellschaft wehgetan, niemand hat sich verantwortlich gefühlt. Ich wurde so oft mit einer meist unterschwelligen Respektlosigkeit behandelt, dass ich mich frage, wofür Knigge? Wofür gesellschaftliche "Normen" definieren? Oder gar als Tradition schimpfen? Wenn es letzten Endes nicht "aus dem Herzen kommt" und nicht konsequent gelebt wird!?

Es fühlt sich für mich falsch an. Punkt. Als wäre ich ein Teil einer Gesellschaft, die sich selber nur etwas vormacht. Die halbherzig versucht, als ein Ganzes aufzutreten, aber innerhalb der eigenen Reihen für so viel Missgunst, Neid und Aufruhr sorgt, dass sich EIGENTLICH jeder fragen sollte, wie lange DAS noch gut geht.

Nun gut… wir sind zum Glück in "D". Das Schlimmste, was dem durchschnittlichen Deutschen "passieren" kann - wenn die deutsche Fussball Nationalmannschaft in der Vorrunde der WM ausscheidet. Oder sich die Bahn – oh Wunder – wieder verspätet. Oder der Nachbar das 10. Mal für diesen Monat seine 25qm Rasen mäht…

Ich will nicht wie eine "Obermutti" daherkommen und jedes Mal altkluge Rat-schläge verteilen, allerdings… Auch wenn es nach diesem Artikel eventuell einen anderen Eindruck macht – ich habe ein Herz für diese Gesellschaft. Ich lebe in ihr und - so geschwollen das jetzt auch klingen mag - sie auch in mir. Wenn ich mich ändere, ändert sich auch die Gesellschaft. Egal wie klein diese Veränderung sein mag. Und es liegt an mir, in welche Richtung ich mich verändere. In diesem Sinne... Versucht euch vielleicht auch öfter mal die Frage zu stellen, in welche Richtung ihr euch verändert habt oder welchen Teil ihr ändern könnt, um euch und diese Gesellschaft positiver zu gestalten. :)

Es grüßt euch herzlich

HerzChaos