Jemanden aus Liebe gehen zu lassen, aus der Erkenntnis heraus, dass beider Bedürfnisse und Erwartungen doch zu unterschiedlich sind, als das sie langfristig ein "sicheres Zuhause" finden - die traurigste Entscheidung meines bisherigen Lebens.

Wir haben 11.48 Uhr. Knapp 25 Minuten bleiben mir, bis mir meine Mutter heute ausnahmsweise die Zwillinge vom Kindergarten abholt und nach Hause bringt. Sie spürt, dass ich dringend Zeit für mich brauche, um diese tiefe Traurigkeit irgendwie in Worte zu fassen, sie in Bildern darzustellen, sprich irgendwie mit ihr umzugehen. Ohne mich zu verletzen oder mir anderweitig zu schaden.  

Obwohl mich seit Monaten immer wieder starke Verlustängste heimsuchten, es Phasen gab, in denen ich richtig wütend auf ihn, aber auch auf mich selber war, dass wir es einfach nicht "besser" hinbekommen, aus dieser anhaltenden und dadurch belastenden Fernbeziehung (480km) ein Ganzes zu formen, habe ich - haben wir - so sehr versucht an dieser Liebe festzuhalten. An unserem Seelenverwandten.

Das, zum täglichen Begleiter gewordene, Gefühlschaos - "liebt er mich wirklich oder warum kann er sich nach 22 Monaten immer noch nicht für uns entscheiden" - schröpfte meine Kraft enorm. Viel mehr noch als der tägliche Spießruten-Drahtseil-Akt mit Alleinunterhalter Charakter. (Den bin ich ja nach knapp 11 Jahren mehr oder weniger "gewohnt".)

Am Ende konnte ich die Zweifel meines Partners nicht mehr mit motivierenden Kommentaren kontern, sondern musste sie wahrhaft als solche an-erkennen und akzeptieren. Es war kein Abwägen, es waren seit langem Zweifel und Ängste, die in ihm wucherten, ihn letztlich beherrschten. Und mich. Ich habe alles gegeben, wozu ich gegenwärtig in der Lage bin, doch es reicht nicht aus (wenn man hier überhaupt von "aus-reichen" sprechen kann).  

Zweifel zerstören mehr Ideen als alle Fehler, heißt es. Was aber, wenn sie uns in Wirklichkeit vor etwas warnen und/oder schützen wollen? Z.B. davor, sich nicht in eine Situation zu begeben, der wir in diesem Moment, in diesem Lebensabschnitt, tatsächlich nicht gewachsen sind? In der sich unser tiefstes Inneres vehement sträubt, unsere höchsten Überzeugungen zu übermächtigen Dämonen in unserem Denken werden?  


Wir haben mittlerweile 20.30 Uhr. Mir laufen die Tränen über die Wangen, während ich weiter an diesem Text schreibe.  

In dieser Beziehung, die so wunderschön und unbeschwert begann, gab es einige Höhen und Tiefen, doch generell war es für mich die erste Beziehung, in der ich - über die anfängliche Verliebheitsphase hinaus - davon überzeugt war, dass sie das Potential für eine kitschige "bis das der Tod euch scheidet" Beziehung inklusive Ehe mitbringt (nicht, dass ich einer Konfession angehören und jemals kirchlich heiraten würde). Wir haben so unglaublich viele Dinge miteinander unternommen, erlebt, durchgestanden. Keiner von uns beiden wollte das so einfach wegwerfen. Das weiß ich mittlerweile. Deswegen haben wir beide sehr lange "weggeschaut". Ja, selbst ich, die sonst alles genau wissen muss und nachbohrt, bis sie es weiß, hat sich lange nicht getraut, über die Situation (Bedürfnisse, Erwartungen, Möglichkeiten…) zu sprechen. Zu groß war die Angst, ihn zu verlieren. Dich.

Ich war und bin dir nie wirklich böse gewesen. Ich weiß, dass du das weißt. Ich möchte es trotzdem noch einmal erwähnen. Auch wenn es menschlich ist, Angst zu haben und es nicht unnormal ist, aus diesem Gefühl heraus passiv angepasst zu reagieren, so finde ich es rückblickend auch egoistisch von mir, denn ich habe dadurch zwanghaft versucht - mal bewusst, mal unbewusst - dich irgendwie an mich zu binden. Versucht, dich von einem Leben mit mir, mit uns, zu überzeugen, ohne dich zu fragen, ob das das ist, was du wirklich willst. Oder ob du der Verantwortung überhaupt gewachsen bist. ...Ich halte dich auch jetzt für verantwortungsbewusst genug, aber ich hätte mich mit dieser Einschätzung nie über deine Zweifel erheben und sie nicht als unbegründet bezeichnen dürfen. Alles hat einen Grund. Alles hat seine Daseins-Berechtigung. Wie man damit umgeht - das ist die Frage. Es tut mir so leid, bitte verzeih mir.

Vorgestern habe ich mit meinem Partner, obwohl ich ihn immer noch liebe, Schluss gemacht. HerzChaos pur.

Es war die bisher traurigste Entscheidung, die ich treffen musste und dennoch die Notwendigste, um langsam wieder zu mir selbst zurück zu finden. So gemein das für mich klingt. ...Ich weiß, dir geht es ähnlich. Du hast seit Beginn der Beziehung auf so vieles verzichtet, hast Gewohnheiten von mir angenommen, mit denen nur die Wenigsten auf die Dauer zurecht kommen. Du hast mir über die schlimmste Zeit meines Lebens hinweg geholfen, ohne etwas dafür zu verlangen oder dich zu beklagen.  

Ich will dir von Herzen für die gemeinsame Zeit danken, für das, was du für mich (uns) getan hast. Du hast dich bis zuletzt bemüht, genau wie ich. Wir haben alles gegeben, was wir konnten. Mehr geht einfach nicht.  

So schön es auch war, an die vergangenen schönen Momenten zu denken, von ihnen zu zehren, darauf zu hoffen, dass sie sich schnell wiederholen (was sich aufgrund dieser enormen Distanz und den persönlichen Faktoren leider als sehr schwierig erwies), so sehr hat es geschmerzt, keine Ahnung darüber zu haben, wie wir unser beider Leben so miteinander hätten verflechten können, dass wir beide nicht das Gefühl gehabt hätten, etwas fundamentales dafür opfern zu müssen.

Liebe sollte niemals zu einem un-ausgesprochenen Zwang werden, etwas fundamental wichtiges für den Partner aufzugeben. Das muss ich traurig feststellen.  

Ich vermisse dich (KopfKrieg), weine um dich. Um unsere Zeit, um dieses Gefühl. Ich würde es am liebsten noch ein einziges Mal erleben, um es irgendwie "besser" kultivieren zu können. Ich habe Angst es zu vergessen, auch wenn ich mir eigentlich sicher bin, dass ich dich nie vergessen werde und ich weiß, dass uns immer ein besonderes Band verbinden wird. Wir sind uns so ähnlich. Und doch so gleich. Möge es dir nach und nach besser mit dieser Entscheidung gehen, sie ist auch in deinem Sinne. Das haben wird beide schon länger geahnt, wenn wir ehrlich sind.  

Es werden nicht die letzten Zeilen über dich gewesen sein, auch nicht die letzten Tränen, dennoch fühlt es sich wie ein leiser Abschied an. Ein Loslassen. Eine ungewohnte Mischung aus tiefster Traurigkeit, beruhigender Klarheit und auch Freiheit.  

Ich wünsche euch allen von Herzen, dass ihr euch selbst findet, ihr bei euch bleibt/bleiben könnt. Denn mehr bedarf es eigentlich nicht, um ein selbstbestimmtes, zufriedenes Leben zu führen.  

Es grüßt euch eine weinende, trauriglächelnde

HerzChaos