Ich bin ein friedfertiger Mensch, der sich vielleicht sogar etwas zu viel "gefallen" lässt und den Rechtfertigungen anderer erstmal lauscht, während sich viele andere bereits abwenden. Allerdings ist das Maß auch bei mir irgendwann voll.

Nachdem ich vor ca. zwei Wochen über Twitter auf einen Artikel gestoßen bin, in dem eine Dame zum Thema "die Menschen werden durch den Kapitalismus und Neoliberalismus immer egoistischer und hartherziger gegenüber ihren Mitmenschen" interviewt wurde, denke ich noch öfter "JA, die gute Frau hat Recht"!

Zugegeben - die letzten Wochen und Monate überschlagen sich bei mir fast täglich kuriose Zwischenfälle im zwischen-/menschlichen Miteinander. Vor vier Tagen bin ich fast erneut unschuldig in einen Verkehrsunfall verwickelt worden, weil ein Busfahrer (mit Kindern an Bord) "das Rotlicht missachtet" hat. "Nur" Zeugin zu sein reicht mir ehrlich gesagt, da mich erst vor drei Monaten ein Verkehrsteilnehmer so stark erwischt hat, dass ich mein Auto, welches ich uns Anfang diesen Jahres nur durch einen Privatkredit eines Freundes endlich ermöglichen konnte, gegen ein Neues eintauschen "durfte" (es handelte sich um einen deutlichen wirtschaftlichen Totalschaden - verursacht von einem Fahranfänger mit neuem Firmenwagen, welcher sich an Ort und Stelle mit lediglich 25 Euro von weiteren Konsequenzen freikaufen konnte ...).

Gestern kam mein ältestes Kind, welches seit diesem Sommer eine weiterführende Schule im Nachbarort besucht, stark humpelnd und weinend nach Hause. Das Busunternehmen hatte es nach den ersten Wochen schon geschafft, dass mein Kind Angst vor dem Busfahren hatte, weil die permanenten Verspätungen ausschließlich auf Kosten der Verkehrssicherheit versucht wurden "rauszuholen". (Von weiteren Vorfällen will ich gar nicht erst anfangen.) Jedenfalls fuhr der Fahrer gestern wieder wie eine gesenkte Sau, auch um eine sehr gefährliche Kurve. Mein Kind, welches mittags nie einen Sitzplatz hat, wurde in dieser Kurve am rechten Knie verletzt. Nach einem umgehenden Anruf bei dem Busunternehmen, bei dem die Mitarbeiterin am anderen Ende der Leitung meinte, es würde seit dem Sommer so viel Ärger geben und ich solle direkt Anzeige erstatten (das klang eher wie eine Aufforderung, weniger wie ein - von mir erwarteter - patziger Vorwurf), bin ich mit meinem Kind ins Krankenhaus gefahren. Fast drei Stunden hat es gedauert. Eine Verletzung wurde definitiv bescheinigt, weswegen ich dieses Mal wirklich von meinem/unserem Recht Gebrauch machte und bei der Polizei Anzeige erstattete.

Ja, ich frage mich immer öfter am Tag "warum, warum immer auf Kosten der Anderen, wie kann man so egoistisch sein?!".

Egal ob beim Einkaufen, wenn sich die Rentnerin hinter mir beschwert, weil ich den Mann vor ihr mit einem Teil nicht vorlasse (bevor diese sich hinter mir anstellte, ließ ich bereits zwei andere Kunden mit weniger Teilen vor, aber irgendwann muss ich auch bezahlen und mit meinem stressigen Tagesgeschäft fortfahren) und diesen dann in meinem Namen vor mich zu lassen (was ich lautstark kommentierte, wie unglaublich daneben es von ihr ist, dies zu tun und gleichzeitig dem Mann erklärend, dass es nichts mit ihm zu tun habe). Oder sich Menschen in verdammt engen Gängen mit Einkaufswagen an einem vorbei drängen, fast den Hintern wegfahren, obwohl sie merken, dass sie - ohne zu fragen - nicht an einem vorbeikommen und TROTZDEM weiterfahren. Die Entschuldigung, die darauf folgt, ist oft ein stiller, höhnischer Vorwurf a la warum man denn jetzt genau dort MITTEN im Weg stehen muss (vielleicht um auch etwas zu kaufen?!), als das diese wirklich ernst gemeint wäre und von Herzen kommt.

Täglich werde ich mit der Denke "mir das Meiste und Beste", den Rest dem Rest großzügig überlassend, konfrontiert. Ich bin nicht perfekt, erhebe auch keinen Anspruch darauf, mich in allen Lebenslagen richtig zu verhalten. Jedoch kann und will ich anderen nicht mit halbem Vorsatz schaden. Alles hat irgendwann Konsequenzen und ich bin nun mal leider(?) davon überzeugt, dass so etwas wie "Karma" existiert. Oder zumindest eine Kraft, in Form von positiver oder negativer Ausstrahlung, die das direkte Umfeld beeinflusst. Daher bin ich immer wieder froh und so dankbar, wenn ich solche kleinen Lichtblicke wie gestern erleben darf. Eine sehr alte Frau hatte sich in der Kasse vertan, ich ließ sie mit ihren wenigen Teilen vor mich. Ein Mann mit ebenfalls nur zwei Teilen stellte sich hinter mir an, auch ihn ließ ich vor. Die ältere Frau kam zu mir, tätschelte mir (liebevoll!) die Schulter und sagte, ich solle nicht jeden vorlassen, der wenige Teile hat, auch wenn sie das sonst auch immer so machen würde, ich müsste irgendwann auch an mich denken. Das war so lieb. Bis mein ältestes Kind weinend nach Hause kam, erfreute mich dieser Lichtblick. ...in diesem Dunkel aus Egoismus, Unfreundlichkeit und Hetzerei.

Es grüßt euch herzlich eine innerlich zerrissene, nachdenkliche

HerzChaos