Der Titel mag belanglos klingen, doch es ist alles andere als belanglos. Nicht für meine Kinder und mich. Und für viele andere Menschen da draußen, die in ähnlich schwierigen Situationen ausharren müssen, weil sich die Bürokraten und deren Jünger untereinander die Verantwortung zuschieben und niemand helfen "kann".

Heute, 9.30 Uhr.

Ich warte mit meiner Familienhilfe, die uns vor 8 Monaten für 5 Stunden wöchentlich zugesprochen wurde (in diesen 5h sind An-/Abfahrt, Berichte schreiben usw. mit einberechnet), im Flur eines Förderkindergartens. Meine Familienhelferin eröffnet mir, dass der einzige andere Förderkindergarten im Umkreis, in dem ich vor zwei Wochen einen Gesprächstermin hatte, um meine Zwillinge dort anzumelden, sich bei ihr gemeldet hat. Eine Absage. Die Leitung, die mir erst große Hoffnung machte, dass meine Zwillinge ab Sommer einen Ganztagesplatz bekommen könnten, hat nicht einmal den Mut, mir dies persönlich mitzuteilen. Nett, dachte ich mir.

Einige Minuten später.

Die Leiterin dieser Einrichtung, in der wir nun schon 20 Minuten warteten, die vor einigen Wochen telefonisch einen Termin mit mir vereinbarte, nachdem ich die Diagnostik in dem angegliederten Förderzentrum mit meinen Zwillingen durchlaufen hatte, bat uns in ihr Büro. Sie konnte sich an das Telefongespräch nicht mehr erinnern, als ich ihr die gewünschten - nochmals präzisierteren - Entwicklungsberichte des aktuellen Regelkindergartens vorlegte. Diese entsprachen dieses Mal sogar den "Erwartungen" der Leiterin, allerdings...

Naiv wie ich war, ging ich davon aus, dass man die Diagnostik innerhalb der Einrichtung bereits weiter geleitet hat, da ich im letzten Oktober schon vor Ort etliche Dokumente unterschrieben hatte, meines Wissens nach auch Schweigepflichtsentbindungen. Jedenfalls stellte sich anhand der ärztlichen Diagnostik schnell heraus, dass die Zwillinge auch hier keinen Platz bekommen werden, weil sie - im Fall eines Falles - "nur" eine drohende seelische Behinderung vorweisen könnten, würde man sie nicht fördern. Vorrangig in der Platzvergabe sind Kinder mit drohender körperlicher und geistiger Behinderung (bitte fragt mich nicht, wo der genaue Unterschied zwischen drohender seelischer und geistiger Behinderung liegt, ich kämpfe mich gerade das erste Mal durch diesen Paragraphen Dschungel was die Kinder- und Jugendhilfe angeht).

Paragraphen über Paragraphen später wurden wir beide mit einem "tut mir leid, ich soll das nicht persönlich nehmen" (wie überall) zur Tür begleitet. Ja, die Not würde man erkennen, aber wie immer: Wir passen in kein Raster.

Wir sind rasterlos.

Heute, 21.11 Uhr.

Ein Satz, der mir - außer dieser grenzenlosen Wut und Verzweiflung - noch lange aus diesem Gespräch nachgehen wird: Ich solle mich freuen, dass meine Kinder nicht zu behindert wären. Ich hätte am liebsten laut gelacht. Natürlich freue ich mich, dass meine Kinder - mit der entsprechenden Förderung - ein halbwegs normales Leben führen könn(t)en. Doch diese Förderung bleibt aus. Was bleibt sind solche Sätze. Die Leiterin war uns gegenüber wirklich höflich und zugewandt, gar keine Frage, die Absage enthielt auch keine spöttische Metaebene wie sonst, jedoch stehe ich, was meine Jüngsten betrifft, wieder am Ausgangspunkt 0. Nach Monaten der Arzt(be)suche, Diagnostik, Terminen, Gesprächen, Ängsten und Hoffnungen, die bei mir geschürt wurden. Nur das ich jetzt weiß, dass meine Familienhilfe und ich jeden Stein, jedes Blatt drei Mal nach HILFE umgedreht haben. Und das außer einem "es tut mir leid, dass ich ihnen nicht helfen kann", nichts dabei herumgekommen ist.

Monate, Jahre, schlage ich mich mit Anträgen, mit Ämtern herum. Nicht nur wegen meiner Zwillinge, sondern auch (seit knapp drei Jahren) für mein ältestes Kind, welches ebenfalls eine speziellere Förderung, u.a. wegen ausgeprägter Legasthenie/Dyskalkulie, benötigt. Bisher ohne Erfolg, weil keiner so richtig Ahnung hat, ärztliche Gutachten ohne Ende beigebracht werden sollen (obwohl wir eine lange Diagnostik, Frühförderung etc. hinter uns haben) oder es einfach an dem Willen der Sachbearbeiter scheitert (meine Familienhilfe, die vom Jugendamt angestellt und bezahlt wird, ist die letzten Monate Zeuge dieser unsozialen Art auf Ämtern geworden, siehe auch meinen letzten Artikel https://herzchaos.de/alles-zufall/ ). Auch wegen mir selber, weil ich aufgrund meines GdBs*, meiner Familiensituation und der fehlenden Berufsausbildung gar keine Möglichkeit habe, auf dem freien Arbeitsmarkt eine limitierte und trotzdem auskömmliche Arbeit zu finden. Dennoch habe ich die letzten 13 Monate alles daran gesetzt, dass man mich auf dem Jobcenter ernst nimmt, mich dabei unterstützt, bei der Reha Abteilung der Arbeitsagentur einen Antrag auf eine psychologisch begleitete Teilzeitausbildung in dem BBW*, in dem ich seit 11 Monaten eine Maßnahme mitmache, einzureichen und durchzubringen. Damit ich nicht ein Leben lang von ALGII leben muss, ich nicht mehr das Gefühl habe, in dieser Gesellschaft nichts wert zu sein. Statt unterstützende, hoffnungsvolle Worte, werde ich als Laufbursche instrumentalisiert, weil sich die Ämter zu fein sind, sich untereinander die Informationen weiterzuleiten. Selbst im gleichen Amt, im selben Gebäude, scheint es schier unmöglich zu sein. Nein, lieber bezahlt man mir auf Kosten der Allgemeinheit bspw. "Kopiergeld", damit ich bei meinen Ärzten nochmals Gutachten ausdrucken lasse, die dem gleichen Amt bereits vorliegen, weil es diese selber vor gerade mal drei Monaten in Auftrag gegeben hat!

Ich werde von meinem Umfeld wahrlich nicht für meine Lebensumstände beneidet (ich habe es mir auch anders vorgestellt, als mit vier Kindern alleinerziehend zu sein!), niemand würde mit mir tauschen wollen, aber JEDER sieht, dass ich mir von morgens bis abends den - Verzeihung für die Fäkalsprache - Arsch aufreiße. Das ich trotz meines eigenen GdB*, meiner körperlichen und psychischen Verfassung, meiner gesellschaftlichen Situation, alles gebe. Ich gebe ALLES. Und was bekomme ich?

Einen hauchdünnen Schimmer von "wir helfen ihnen gerne" und viel von dem erdrückenden "eigentlich sind sie hier unerwünscht, aber wenn es denn sein muss" Gefühl.

Danke an unseren "Sozial"staat und sein Gefolge. An alle, die sich selbst die Nächsten sind und propagieren, dass man mit der entsprechenden Leistung alles erreichen kann. Die über so Menschen wie mich urteilen, ohne mich zu kennen. An all die, die mich immer öfter mit Sätzen wie "Und die Flüchtlinge und Ausländer kriegen alles hinten reingeschoben, aber du als Deutsche kriegst nichts" bedenken und mich damit tierisch wütend machen. Absolut jeder, der Hilfe braucht, hat Hilfe verdient! Wir (alle) sind Menschen gleicher "Güte"!

Es grüßt euch herzlich eine sehr traurige, ratlose und gegen den Drang, sich wieder selbst zu verletzen, ankämpfende

HerzChaos


*BBW = BerufsBildungsWerk , *GdB = Grad der Behinderung