Vor 6 Jahren - also erst im Alter von 27 Jahren - bekam ich endlich meine richtige(!) Diagnose: ADS (Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom ohne Hyperaktivität).

Es war Erleichterung, keine Angst, die ich an jenem Tag spürte, weil ich instinktiv mein ganzes Leben lang wusste, dass ich anders bin, es aber bis dato keine Diagnose gab, mit der ich wirklich konform gegangen wäre. Nicht krank genug im Sinne von krass auffällig (nach Außen) und behandlungsbedürftig, doch auch nicht "gesund" genug, um den Alltag zu meistern.

Ich wusste bis zu diesem Zeitpunkt nicht einmal genau, was ADS ist. Ich war damals schon 4 Jahre lang in ärztlicher Behandlung (wenn man die zig verzweifelten Versuche meines Umfeldes, in der Pubertät, mich in fähige Hände zu geben, was sich in "D" allerdings als überaus schwierig gestaltet, unbeachtet lässt). Man hat viel vermutet, mich versucht mit Antidepressiva und Berührungsmitteln zu vertrösten. Als sich dann die ersten Symptome bei meinem ältesten Kind andeuteten und ich anfing, Literatur* zu diesem Thema zu verschlingen, fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Ebenso meinen Ärzten, die sich vielmals entschuldigten, dass der Fokus nicht viel früher darauf gefallen ist. Es konnte durch Zeugnisse, Tagebücher (mit denen ich begonnen habe, sobald ich schreiben konnte), Zeichnungen, vergangenen und gegenwärtigen Beschreibungen meiner Wenigkeit belegt und mit den entsprechenenden psychologischen Untersuchungsbogen eindeutig von mehreren Ärzten diagnostiziert werden.

Seit diesem Tag änderte sich vieles. Mein Bewusstsein lässt seitdem zu, dass ich mich nicht gänzlich als unfähige, in dieser Gesellschaft nicht überlebensfähige Person betrachte, sondern kann sich – für meine Verhältnisse – nüchtern, objektiv und mit viel Fachwissen damit auseinandersetzen. Und trotzdem kommt es durch komorbide Erkrankungen oft zu Problemen, wie bspw. Verzerrungen in der Wahrnehmung, die nervenaufreibend und kräftezehrend sind. (Nicht nur für mich, auch für mein Umfeld – das muss an dieser Stelle fairerweise erwähnt werden. ;) )

Aufgrund der starken Ausprägung des ADS habe ich einen Grad der Behinderung von 40 und nehme seit 6 Jahren Medikamente** für Erwachsene mit AD(H)S. Ohne dieses Medikament wäre mein Alltag pures Chaos, welches keine Grenzen kennen würde. Die ersten Tage, Wochen und Monate waren – ohne es verherrlichen zu wollen – wie der Unterschied zwischen Tag und Nacht. Vorher den Wald vor lauter Bäumen kaum bis gar nicht gesehen, keinen "roten Faden" gehabt und dann ... Ich konnte mich das erste Mal in meinem Leben auf Dinge (ausdauernd) konzentrieren. Ich konnte sogar längerfristige Herzensangelegenheiten verfolgen, die sich mit den positivsten Ergebnissen auszahlten, die ich mir vorher nie so hätte ausmalen können. Trotzdem sollte sich die Wirkung leider nach 2-3 Jahren einpendeln. Die Dosierung liegt schon im oberen Bereich und kann aufgrund der bereits angedeuteten komorbiden Erkrankungen - u.a. Angststörung mit schubweise, starken Panikattacken - nicht weiter erhöht werden. Die instabile Persönlichkeitsstruktur ergänzt dann nur noch die problematische Konstellation, bzw. die Anhäufung klinisch auffälliger Diagnosen innerhalb der internationalen statistischen Klassifikationen (kurz gemeint: ICD-10). Auch mit dem Medikament kommt es hormonell bedingt in "regelmäßigen" Abständen zu extremen Gefühlsschwankungen (die manchmal so ausarten, dass ich mich frage, warum mich Familie, Partner und Freunde noch nicht alle verlassen haben ;) ).

Kontrovers ist, was die Diagnose AD(H)S, die leider erst seit einigen Jahren auch bei Erwachsenen in "D" gestellt und bisher auch nur mit einigen wenigen Präparaten therapeutisch unterstützt werden darf (obwohl das laut Fachärzten, die auf Patienten mit AD(H)S im Erwachsenenalter spezialisiert sind, entscheidend für den (positiven) Verauf einer Psychotherapie sein kann), in der Öffentlichkeit auslöst. Mit einer Mischung aus Wut und Bedauern habe ich anfangs Medienberichte verfolgt, deren Aussagen mir ehrlich gesagt bis heute nachgehen, da es sich oft um Halbwissen, Fake-News, bis hin zu medialem Rufmord der Krankheit handelt/e. Wie sich Betroffene wirklich fühlen, welche Auswirkungen unbehandeltes AD(H)S hat, ist dem öffentlichen Mainstream mehr oder weniger egal. Wer davon überzeugt ist, dass es sich bei AD(H)S um eine erfundene Modekrankheit handelt, nur weil die Medien*** dezidiert darüber berichten und es immer DEN einen Trend gibt, läuft enorm Gefahr, den Betroffenen damit großes Unrecht zu tun. Denn wie man an meinem Leben sehen (und auch bald hier im Blog erahnen) kann, ist es nicht ganz so einfach, dass alles mit einem "stell dich nicht so an, gibt es doch gar nicht" abzutun. Genau diese unterschwelligen Denkensweisen haben mich seit frühster Kindheit geprägt und zu diesem selbstzweifelnden Menschen gemacht. Und diese Zweifel lassen sich nur mit viel Zeit, (Selbst-) Liebe und (therapeutischer) Arbeit besiegen!

In diesem Sinne… bitte denkt selber nach, egal worum es geht. Lasst euch, was euer Mitgefühl angeht, von eurem Herzen leiten und nicht von dem, was euch die Medien (versuchen zu) diktieren. ♥

Es grüßt euch herzlich

HerzChaos

(* Fachliteratur würde ich gerne in einem extra Artikel behandeln, sobald ich mich tiefer durch den Dschungel des Urheberrechts, der DSVGO usw. gekämpft habe, was es diesbezüglich alles zu beachten gilt. ;) )

(** Ausdrüklicher Hinweis: Natürlich sollten solche Medikamente wirklich nur bei medizinischer Indikation und unter dauerhafter Kontrolle des behandelnden Arztes eingenommen werden!)

(*** Mir gefällt es eigentlich nicht zu verallgemeinern, doch aufgrund meines chronischen Zeitmangels als alleinerziehende Mutter, bin ich leider dazu geneigt, Ausnahmen zu machen. Insofern bitte ich um Nachsicht, wenn ich z.B. "die Medien" schreibe und mich nicht nur - oder ausdrücklich - auf eine Medienform (wie bspw. TV, Internet, Zeitschrift) beschränke/beziehe, sondern damit alles meine, was irgendwo mit Medien und Informationen zu tun hat.)